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Beiträge: 111

Beruf: Kellermeister und Weinforumsbesitzer

1

Samstag, 30. Januar 2010, 11:09

Pflanzrechte, Anbaustopp

Irgendwie fände ich das schon gut würde die EU den Anbaustopp auf 2015 aufheben! Ich bin zwar sicher die deutschen Behörden würden das noch einmal herauszögern, aber letztendlich wollen die neuen EU Weinbauländer wie Polen und England endlich Flächen anlegen und das geht halt nicht mit dem Anbaustopp. Ich vermute einfach einmal das das damit zu tun hat?
Andererseits kann ich mir nicht vorstellen das die deutschen Behörden uns dann erlauben würden anzupflanezn wie es beliebt, irgendwie wollen die doch sicher weiterhin verwalten und kontrollieren?
Man darf gespannt sein, was erwartet ihr was passiert wenn der Anbaustopp aufgehoben wird?
Den freien Markt sollten Deutsche und Österreicher eigentlich nicht fürchten, dafür sind wir doch gut gerüstet?

Oenologe77

Schorletrinker

Beiträge: 45

Beruf: Oenologe

2

Samstag, 30. Januar 2010, 16:16

RE: Pflanzrechte, Anbaustopp

Den freien Markt sollten Deutsche und Österreicher eigentlich nicht fürchten, dafür sind wir doch gut gerüstet?
Das sehe ich im Prinzip genauso, um so mehr verwundert mich der Bohei der drum gemacht wird. Speziell auf Verbandsebene. Es gäbe ja auch genug Möglichkeiten regionale Identitäten und Herkunftsbezeichnungen aufzubauen und in Brüssel hinterlegen zu lassen. Da tut sich aber scheinbar absolut gar nix, zumindest auf der Seite der deutschen Winzer. Verhindern statt gestalten? Lieber weiter mit dem alten "Qualitätswein" Modell und dann mit Spätlesen für 2,99 (neulich beim Lidl) Konkurrieren? Will mir irgendwie nicht in den Kopf.

3

Samstag, 30. Januar 2010, 17:29

Hallo Thomas!

Ich mache mir diesbezüglich auch keine Sorgen. Als Beschränkung der Rebfläche wirken die Pflanzrechte innerhalb Österreichs ohnehin schon lange nicht mehr, weil wir beim EU-Beitritt den unseren Flächenhöchststand der 80er-Jahre an den EU-Kataster gemeldet haben, von dem wir heute aufgrund des Strukturwandels einige Tausend Hektar entfernt sind. Und weil es den Juristen immer wieder gelungen ist, ein Verfallen dieser Pflanzrechte zu verhindern gibt es innerhalb Österreichs deshalb genügend Pflanzrechte, wenn jemand eines braucht.

Als Gefahr für die Steillagengebiete sehe ich eine Aufhebung des bestehenden Systems auch nicht, weil unsere beiden Steilgebiete (Wachau und Steiermark) ein relativ hohes Preisniveau auf dem Markt erreichen und eine Abwanderung der Winzer in flachere Lagen im großen Stil nicht zu erwarten (bzw. teilweise geografisch gar nicht möglich) ist.

Trotzdem ist wohl zu befürchten und zeichnet sich schon ab, dass auch unsere Funktionäre und Beamten gegen eine Abschaffung agitieren werden. Was ich zwar für falsch, aber durchaus verständlich halte. Schließlich haben sie jahrelang diverse EU-Marktordnungsmaßnahmen auf diesem Fundament aufgebaut, die mit der Abschaffung der Pflanzrechte auch für jedermann erkennbar als weitgehend verzichtbare Geldverteilungsaktionen dastehen.

Das Argument der Bedrohung durch Massenweinbau aus anderen EU-Ländern wird sicherlich auch kommen. Ich fage mich allerdings, ob es für uns wirklich einen Unterschied macht, ob die Konkurrenz im austauschbaren, herkunftslosen Weinbereich aus Übersee (wie jetzt schon) oder anderen EU-Ländern kommt.

Grüße

Bernhard

Iris

Schorletrinker

Beiträge: 8

Beruf: Winzerin

4

Montag, 1. Februar 2010, 12:04

Ich würde mich über die neue EU Regelung (oder eben den Wegfall der Pflanzrechtbestimmungen) sehr freuen - auch wenn ich sie mir eher schon vor 20 Jahren gewünscht hätte. Als Kleinst- und Steillagenwinzer hatte ich bisher keine Möglichkeit, weitere Pflanzrechte zu erwerben, da man dazu bereits mindestens 6 ha bewirtschaften musste. Im größten Anbaugebiet Frankreichs (Languedoc-Roussillon) besteht wohl keine größere Gefahr, dass massenhaft neu angepflanzt wird, wenn man sieht, wie groß inzwischen die Brachen durch die EU-Rodungsprämie geworden sind, aber Winzer, die neue (oder alte, lange aufgegebene) Qualitätslagen neu bepflanzen wollen, könnten endlich unbürokratisch davon profitieren...

Das Problem scheint mir zu sein, dass das, was im großen und von regionalen oder nationalen Lobbys aus gesehen als Protektionismus gedacht war, im kleinen dem Einzelwinzer jede individuelle Initiative blockiert.

Baden21

Schorletrinker

5

Dienstag, 2. Februar 2010, 07:44

Eiin wegfall des Anbaustopps halte ich für grundsätzlich richtig. Alle Betriebe werden davon profitieren. Aber es funktioniert nur, wenn auch alle Produktionsbezogenen Zuschüsse wie Destilation uä. wegfallen. In Spanien werden zur Zeit enorme Summern verballert um Flächen zu roden. diese werden ohne Anbaustopp 2015 wieder (mit Subventionen) neugepflanzt, und ab 2020 wird die dort gewachsene Weinmenge mit Subventionen wieder Destilliert. Das Problem liegt nicht in den Weinbau Betrieben, es liegt in Brüssel und in den Interessensvertretern.
Einen Wegfall des Anbaustopps fordern, ist zu kurz gesprungen, es funktioniert nur wenn auch keine Destillation und keine anderen Produktionsanreize wegfallen. Aber dazu haben unsere Funktionäre keinen Mut.

zum Wohl

6

Dienstag, 2. Februar 2010, 12:44

@baden21 : du hast das problem richtig dargestellt. da aber die anderen subventionen nicht wegfallen werden, müssen wir uns in D für den Anbaustopp und gegen die Rodungsprämien stark machen.
Warum soll ich jemandem Geld zahlen dass er einen Weinberg nicht mehr bewirtschaftet, oder jemandem helfen der nicht marktfähige Ware produziert. Ich bekomme auch keine EU-Zuschüsse, obwohl auf dem Fassweinmarkt die Preise die Produktionskosten nicht decken.

7

Mittwoch, 3. Februar 2010, 23:38

Ein wichtiger Punkt, den du da ansprichst, baden21!

Allerdings bin ich - trotz weitgehend gleicher Meinung über Weinbaufunktionäre - ein ganz klein wenig optimistischer. Immerhin ist mit der aktuellen Weinmarktordnung zumindest ein kleiner Schwenk in die richtige Richtung gelungen. Die Rodungsmaßnahmen kamen nicht im geplanten Umfang und die Destillation läuft (nach meinen Infos) aus.

Nach 2013 wird dann weniger der landwirtschaftspolitische Wille als das Diktat der leeren Kassen (und der Druck der nichtlandwirtschaftlichen EU-Bevölkerung) sowieso dafür sorgen, dass alle Fördertöpfe (und hoffendlich die unproduktiven in stärkerem Ausmaß) gehörig zusammengestrichen werden.

Bis dahin werden auch wieder einige Winzer in Spanien, Südfrankreich und Italien mehr in regulärer Pension (Rente) sein und die diversen Rode-, Destillations- und Auspflanzprämien nicht mehr so stark als sozialpolitisches Instrument herhalten müssen.

Davon abgesehen bin ich skeptisch, dass die jetzt mit Förderung gerodete Flächen einfach so wieder ausgepflanzt werden. Wer sollte den nicht über (eher unrealistische) Förderungen finanzierten Teil bezahlen? Die Kinder der kleinen Winzer, die sich über diverse Förderaktionen in die Pension gerettet haben? Jene Kinder, die gesehen haben, wie wenig dieser Weinbau trotz EU-Geldern einbringt und die längst in anderen Berufen tätig oder zumindest sozialversicherungstechnisch abgesichert sind?

Oder große Konzerne, die sich eine Wahnsinnsrendite erhoffen, wenn sie in der spanischen La Mancha oder sonst wo Millionen Liter 08/15-Weine aus dem Boden stampfen, die eigentlich niemand braucht? Also ich weiß nicht...

Grüße

Bernhard

Iris

Schorletrinker

Beiträge: 8

Beruf: Winzerin

8

Donnerstag, 4. Februar 2010, 10:51

aus südfranzösischer Innenansicht kann ich Dir nur voll zustimmen, Bernhard. Die Weinbauern, die hier in den letzten Jahren die Rodungsprämie kassierten, sind wirklich nicht diejeniegen, die das mal eben einstreichen, um in der Hoffnung auf die neuen Pflanzregelungen nach ein paar Jahren dann subventioniert wieder neu zu pflanzen, sondern wirklich solche, denen das Wasser bis zum Hals stand, weil die Produktionskosten schon lange den Gewinn überschreiten.