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Beruf: Kellermeister und Weinforumsbesitzer

1

Freitag, 29. Januar 2010, 00:07

Spontangärung

Hatte letztlich Jungweinprobe, ein Betrieb stellte 2 Weine vor, einer vergoren mit Vin 13 der andere vergoren mit Wildhefe.
Für mich hatte der Wildgärer allerdings eindeutige Vin 13 Gäraromatik.
Habe dem Kollegen dann widersprochen und ihm mitgeteilt das meiner nach sein Keller derart von Anchor Yeast kontaminiert ist das eine reine Spontangärung eigentlich gar nicht mehr möglich ist und der Wein somit kein Wildfermenter ist sondern einfach ein Wein dem halt KEINE Reinzuchthefe zugesetzt wurde.
Kollege ist jetzt böse mir mir .....
Fragen
A: Habe ich Recht?
B. Was mach ich mit dem Kollegen?
C: Wie macht man eine richtige Spontanvergärung?

Harald

Weintrinker

Beiträge: 62

Beruf: Selbstständiger Winzer

2

Freitag, 29. Januar 2010, 10:39

A: Du hast recht!
B: Kommt auf Dein Verhältniss zum Kollegen an
C: Nachzulesen beim DLR Mosel im Internt unter Themen - Oenologie - alkoholische Gärung und ganz wichtig, reinige und sterilisiere Deine Kellereigeräte, damit die Mikroben wirklich aus dem Weinberg kommen. Am besten säuern, damit der pH Wert unten bleibt und kein Verderb droht!

Durch unsere tiefen pH Werte (aktuel bei meinen Weinen so um die 3) an der Mosel, wird hier öfter sie Spontangärung praktiziert. Ich mag sie nicht. Ich will Riesling riechen und nicht die Stoffwechselprodukte der Wildhefen. Die Bekömmlichkeit der Weine sinkt und der Schwefelbedarf geht nach oben. Aber das ist ein anderes Thema zu dem man sehr viel schreiben und sagen kann.

Viele sagen, das Sie spontan vergären, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ich würde gerne wissen, was diese Kollegen mir nicht verraten:
- ist im Keller und auf den Geräten (mangels Hygiene?) schon eine hohe Population von echten Weinhefen?
- werden nur die ersten 5 - 10 Öchsle spontan runtergeoren und dann kommt die Reinzuchthefe?
- kommt ein Pied de Cuvee zum Einsatz?
- Verschnitt zwischen Spontan und Reinvergorenen Weinen?
- nur verbales mitmischen am Markt, der Marketingtechnisch die Spontanvariante bvorzugt? Sogar Fachjournalisten sind unfähig die Spontan- von der Reinvergärung geschmacklich zu unterscheiden, propagieren aber weiterhin Spontan und verwechseln das mit Terror Terroir.

Oenologe77

Schorletrinker

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Beruf: Oenologe

3

Freitag, 29. Januar 2010, 10:53

a) Ja

b) Dem wird nicht zu helfen sein. Beratungsresistent?

c) Möglichkeit eins: Vorlese von Traubenmaterial für einen Gäransatz, den du dann nachher einfach dem Most zugeben kannst. Idealerweise im Chemiesteller oder ähnlichem als Maische angesetzt, bei Rotwein unproblematischer als bei Weißwein. Speziell bei "kontaminierten" Kellern das Mittel der Wahl.

Möglichkeit zwei: Most abpressen und einfach "laufen" lassen. Braucht ggf. aber etwas Nerven. Um die oben angesprochene Fremdkontamination zu vermeiden kann es Sinn machen in einer anderen Location zu vergären, vor allem weil die Spontis es meiner Erfahrung nach einen tick wärmer mögen. Eine Ecke im Flaschenlager z.B bietet sich an. Klappt natürlich nur wenn man denn im "mobilen" Kleingebinde vergärt. Wer etliche tausend Liter spontan vergären will hat erst mal ein Problem, wenn er Jahrzehntelang Reinzucht vergoren hat. Gebinde vorher gründlich sterilisieren. So in etwa.

Generelle Erfahrungen: Peinlichste Sauberkeit, sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es scheinbar aber immer noch nicht überall. Sehr moderat im Schwefeleinsatz sein am Anfang, das legst du allerdings nacher doppelt wieder drauf. Top gesundes Traubengut. Bei normaler Arbeitsweise kann man das ein oder andere prozent Fäulnis vielleicht tolerieren, bei Spontis hätte ich da echte Bauchschmerzen. Es sei denn man kommt damit zurecht offensichtliche Weinfehler als Terroir zu vermarkten.

Als Biologe gesprochen:

Für eine weitgehende Sicherheit, wirklich nur Wildhefen zu haben, müsste im Prinzip der Komplette Keller durchsterilisiert werden und das wohl mehr als einmal. Machbar? Sicher...aber der Aufwand? Solange man noch nennenswert Reinzucht vergärt wird die Reinzuchthefe wahrscheinlich immer den Gärprozess früher oder später dominieren. Wenn man das langfristig vermeiden will muss man wahrscheinlich jedes Jahr den Keller komplett sterilisieren, und nur noch Spontan vergären, bis sich dann eben die Spontanflora im Keller breit gemacht hat. Das wird aber dann eine Aufgabe die wohl mehr als eine Saison in Anspruch nehmen wird.


*edit*

Da war der Harald schon schneller.

Harald

Weintrinker

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4

Freitag, 29. Januar 2010, 11:36


Sehr moderat im Schwefeleinsatz sein am Anfang, das legst du allerdings nacher doppelt wieder drauf. Top gesundes Traubengut. Bei normaler Arbeitsweise kann man das ein oder andere prozent Fäulnis vielleicht tolerieren, bei Spontis hätte ich da echte Bauchschmerzen. Es sei denn man kommt damit zurecht offensichtliche Weinfehler als Terroir zu vermarkten.

bis sich dann eben die Spontanflora im Keller breit gemacht hat.
Lieber etwas mehr Schwefel und der insbesondere die negativen Spontanmikroben etwas unterdrückt und somit die echten Weinhefen fördert.

Sehr gut die Ausssage und für in etlichen Weinen nachvollziehbar: "offensichtliche Weinfehler als Terroir zu vermarkten"

Die Spontanflora soll sich nicht im Keller breit machen! Sie soll aus dem Weinberg stammen und damit das Terroir besser schmeckbar machen. Wenn die Kontamination im Keller stattfindet, habe ich doch eigentlich wieder eine dauerhafte Gärkultur, der man das gleiche nachsagen kann wie bei den Reinzuchthefen: Uniformer Geschmack, wenig Natürlichkeit und ähnliches. So ist das doch eigentlich nicht von den Propheten der Spontangärung gemeint. Oder!

Wie schreibt Reinhard Heymann-Löwenstein:"Und letztlich ist auch der Genuß von Terroirweinen eine Grenzerfahrung"

Oenologe77

Schorletrinker

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5

Freitag, 29. Januar 2010, 12:28

Ich hab eher die Erfahrung gemacht es beim Angären mit der SO2 nicht zu übertreiben, gerade weil die erwünschten Spontis da etwas sensibel reagieren. Die eher "negativen" MO's grätschen eigentlich schon bei kleinen Schwefelmengen, WENN (da hast du einen Punkt ins Spiel gebracht den man überhaupt gar nicht oft genug Breittreten kann) der pH-Wert stimmig, d.h. nicht zu hoch ist. pH-Management wäre ein eigenes Thema wert.

Allerdings hast du natürlich völlig recht, das Spontis insgesamt einen deutlich höhren Schwefelbedarf haben, das was ich mir am Anfang "spare" landet sukkszesive während und nach der Gärung dann wieder im Wein. Um es mal an Werten festzumachen in der Most/Maische/Angärphase hatte ich so um die 15-25 freie, das Füllfertige Produkt lag bei mir in der Tendenz aber eher deutlich über 50 als drunter.


Das die Spontanflora sich im Keller breitmachen soll, ist natürlich etwas unglücklich ausgedrückt. Aber genau das wird sich langfristig nicht vermeiden lassen, wenn mich mein Biologenwissen nicht völlig im Stich gelassen hat. Letztenendes wird sich immer eine Mischpopulation von Stämmen ansiedeln, so wie das ja jetzt auch schon bei Reinzuchthefen ist. Es sei denn man hat permanent den Dämpfer am laufen und arbeitet auch sonst unter Reinraumbedingungen. Da aber wohl kaum jemand seinen Keller in ein Klasse 2 BioLab umbaut, halte ich das aber in der Alltagspraxis für eher unwahrscheinlich. Von den ganzen Naturkellern wollen wir mal gar nicht reden. Kellerflora lässt sich nicht vermeiden, die stammt dann halt nur aus dem "Weinberg" und nicht aus der "Tüte"

Ich sehe das auch eigentlich gar nicht als so porblematisch an. Ich würde nicht unbedigt behaupten das eine Mischpoulation von eher "heterofermentativen" (<- das passt hier eigentlich gar nicht, aber wir wollen ja keine Lehrgang in MiBi machen) Gärern zu einer uniformen "Gärkultur" führt, da ja die Moste in sich immer noch zu unterschiedlich sind und der Gärverlauf und die Gärnebenprodukte völig unterschiedlich ausfallen können und das in der Regel auch tun. Das ist ja auch bei Reinzuchthefen schon so, nur vielleicht nicht so ausgeprägt?

Man hätte natürlich das Problem, das dann die Hefen nicht aus DEM Speziellen Weinberg kommen. Dem ließe sich aber durch einen vorherigen Gäransatz recht gut begenen, denke ich. So "angeimpft" wäre m.E. die Populationsdichte wohl hoch genug, sich gegen die sonstige im Keller vorhandene Spontiflora "durchzusetzen". Bei Reinzuchtkeller vs. Gäransatz wäre ich mir da dann schon lange nicht mehr so sicher, weil die Reinzuchthefen schlicht durchsetzungsstärker sind und sehr frühzeitig die Gärung übernehmen. Vor allem dann, wenn man mit hohen SO2-Gaben arbeitet, welche die Reinzuchtflora ja erst recht begünstigt, weil u.a. speziell dafür ja selektiert wurde. Deswegen auch der Vorschlag die Gärung, soweit möglich, woanders als im üblichen Keller laufen zu lassen, wenn man schon immer und ewig Reinzucht vergärt um sowas wie "Terroir" überhaupt mal rauszuarbeiten und zu sehen, ob man das Ergebnis überhaupt mag. Da ist so mancher dann doch aus allen Wolken gefallen. :D

So reime ich mir das im Moment zusammen. Ich lasse mich da aber gerne eines besseren von den langjährigen Praktikern belehren. Das ist eher so ein Konglomerat aus meinen zwei Ausbildungswegen und etwas Spontigärerfahrung auf zwei Kontinenten .

Obwohl ich dem ganzen Thema sponti und Terroir sehr positiv gegenüber stehe, würde ich mittlerweile trotzdem sagen der Hefeeinfluss auf "Terroir" wird m.E. maßlos überschätzt. Der Einfluss mag nicht null sein, aber soweit ich das sehe, spielen da die anderen Faktoren eine weit größere Rolle z.B. Klima/Bodenbeschaffenheit und nicht zuletzt die eigne "Gärsteuerung" bzw. der Mangel einer solchen ;)
Ich durfte mal beim Reinhard ein paar Monate als Praktikant durch den Betrieb wuseln, in der Tat eine "Grenzerfahrung", wenn auch weit überwiegend positiv :P

Oenologe77

Schorletrinker

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6

Freitag, 29. Januar 2010, 12:56

Beim lesen fällt mir auf, den ganzen langen Text hätte ich mir eigentlich sparen können denn:

"Was die "Spontangärungspropheten" wollen oder erzählen, hat i.d.R. nicht immer so viel mit der technischen Realität zu tun?!"

würde das wohl auf den Punkt bringen? :D

Harald

Weintrinker

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7

Freitag, 29. Januar 2010, 13:33

Beim lesen fällt mir auf, den ganzen langen Text hätte ich mir eigentlich sparen können denn:

"Was die "Spontangärungspropheten" wollen oder erzählen, hat i.d.R. nicht immer so viel mit der technischen Realität zu tun?!"

würde das wohl auf den Punkt bringen? :D
Danke für obige Sätze, trifft größtenteils zu und ich kann mir einen weiteren langen Text ersparen. Aber mal schauen, vielleicht haben andere User andere Meinungen.

Iris

Schorletrinker

Beiträge: 8

Beruf: Winzerin

8

Samstag, 30. Januar 2010, 12:17

und wie sind Eure Erfahrungen mit dem Einfluss der Spritzungen im Weinberg auf das Vorhandensein von spontanen Hefen? Hier im Süden wird von den meisten Oenologen behauptet, es gäbe gar nicht genug spontane Hefen auf dem Traubengut, um eine vernünftige Gärung in Gang zu setzen (was mich persönlich, angesichts der im Weinberg verwendeten Mittel auch nicht überraschen würde, aber da habe ich halt keine eignene Erfahrung). Ich kenn mich allerdings auch nur mit Rotwein aus - ist ja durch den langen Kontakt auf der Maische auch sicher noch anders, als gleich abgepresste Weiße.

Ps hors sujet: warum steht da links "Schorletrinker - ich trink sowas nie:-)

Harald

Weintrinker

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Beruf: Selbstständiger Winzer

9

Samstag, 30. Januar 2010, 15:01

und wie sind Eure Erfahrungen mit dem Einfluss der Spritzungen im Weinberg auf das Vorhandensein von spontanen Hefen? Hier im Süden wird von den meisten Oenologen behauptet, es gäbe gar nicht genug spontane Hefen auf dem Traubengut, um eine vernünftige Gärung in Gang zu setzen (was mich persönlich, angesichts der im Weinberg verwendeten Mittel auch nicht überraschen würde, aber da habe ich halt keine eignene Erfahrung). Ich kenn mich allerdings auch nur mit Rotwein aus - ist ja durch den langen Kontakt auf der Maische auch sicher noch anders, als gleich abgepresste Weiße.

Ps hors sujet: warum steht da links "Schorletrinker - ich trink sowas nie:-)
Schau Dir mal die Herbstempfehlungen verschiedener Berater an. Es wird teilweise empfohlen Aktivkohle zur Vermeidung gärhemmender Substanzen (Spritzmittel) zu verwenden. Könnte schon sein, das es Auswirkungen auf die spontane Hefeflora hat.

Ich habe den Eindruck, das du ordentlich posten muß um den Status des Schorletrinkers zu überwinden. Also langsam die "Karriereleiter" hochklettern. Vielleicht als Krönung Moselökorieslingtrinker? :)

Oenologe77

Schorletrinker

Beiträge: 45

Beruf: Oenologe

10

Samstag, 30. Januar 2010, 15:10

Mit solchen "Aussagen" wäre ich extrem vorsichtig. Vor allem den chemischen Zusammenhang wie z.B. Strobilurine durch Kohlenstoff gebunden/abgebaut werden, würde ich mir von den Herren Beratern mal gerne Zeigen lassen. Ich bin wahrlich kein "Fachmann" für biochemische Wirkungsketten ich gebe aber folgendes zu bedenken:

Was an synthetischen Fungiziden hier auf dem Markt unterwegs ist, hat i.d.R. ein recht spezifisches Wirkungsspektrum (häufig Enzyminhibitoren im Katabolismus) im Stoffwechselkreislauf. Sonst gibt es üblicherweise ernste Probleme bei der Zulassung, auch nach der keineswegs glücklichen Umstellung der Richtlinien. Deswegen ja auch der ganze Aufwand von wegen Resitenzmanagement und so. Mittel gegen z.B. Pero/Oidium bzw. Botrytizide wirken im wesentlichen auf eben jene Organismen und haben, anders als z.B. Schwefel und Kupfer keine "Beitenwirkung". Auf Elementarstoffe reagieren nun mal so ziemlich alle Organismen in gewissem Umfang, daher bilden sich auch keine Resistenzen gegen Kupfer oder Schwefel.
So gesehen würde ich das "Problem", wenn überhaupt, vielleicht eher bei den Bio's verorten. Sehe ich in der Praxis aber eigentlich nicht.

Was nicht heißen soll, das synthetische Pflanzenschutzmitel jetzt problemlos wären. Es gibt nicht ohne Grund vorgeschriebene Toxizitätsstudien und das ganze Brimborium drumherum. Die Schutzausrüstung die wir beim spritzen hoffenlich alle Tragen, ist auch nicht blos Dekoration. Aber es ist eben auch nicht so das nicht auch größere Mengen Kupfersulfat oder Schwefel besonders gesundheitsförderlich wären. Der Idealzustand wäre natürlich man würde auf das alles Komplett verzichten, ob das je möglich sein wird? Wenn wahrscheinlich nur mit GVO's.....und auf DIE Debatte bin ich in Deutschland dann mal gespannt :D

Hefen können was, nicht umsonst sind sie eines der Mittel der Wahl als Expressionsplattform in der Biotechnologie und einer der Modellorganismen bei Toxizitätsstudien. Sie sind zudem "ubiquitär" d.h. überall und zu jedereit vorhanden. Also selbst bei "totgespritzten" Wingerten, die ich nach eigener Anschaung mittlerweile eher in Südeuropa als bei uns verorte, würde sich m.E. nach einer gewissen Zeit eine Hefepopulation einstellen. Die sähe dann von der Zusammensetzung her wahrscheinlich etwas anders aus als ohne Spritzen. Aber da wäre sie auf jeden fall. Die Vorgeschrieben Wartezeit nach der letzten Spritzung sind m.E. mehr als ausreichend um das ansiedeln von MO's zu ermöglichen. Das sieht ja jeder der kurz vor der Lese in feuchteren Jahren mit Fäulnisproblemen zu kämpfen hat, weil man lieber der BASF anstatt der Rebschere vertraut hat. ;)

Früher oder später wird es anfangen zu gären. Da führt kein Weg dran vorbei. Spätestens durch Kontamination im Keller/Kelterhaus, wo wir wieder bei der Ursprungsfrage wären.

Ob das dann in der erwünschten Weise erfolgt (weitgehend frei von Fehltönen) oder WAS da überhaupt gärt, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Die Mühe mal Abstriche zu nehmen, sowohl aus Weinberg und Most um zu identifizieren, was da so kreucht und fleucht (speziell die Nicht-Saccharomyceten, die machen die Spontigärung ja so interessant) macht sich ja keiner. Ist auch bei um 800 Arten, wahrscheinlich tausenden von Stämmen und einer ziemlich unklaren Abgrenzung auch nicht ganz so einfach. Es soll Betriebe in Übersee geben, die das mal gemacht haben, und aus ihren Weinbergen eigene Stämme isolieren und weitervermehren, auch das ein Beitrag zum vielgerühmten "T"-Wort.

In Australien hatte ich Chardonnay spontan vergoren. Völlig unproblematisch, obwohl ich den Eindruck hatte, das man es da mit dem Pflanzenschutz etwas "liberaler" handhabt als hier. Ist jetzt allerdings auch nur ein Einzelfall und allein aufgrund der Gegebenheiten (Temperatur, Maischestandzeit u.a.) sicher nicht auf hier übertragbar, geschweige denn allgemeingültig.

Ampelia ist doch bei einem Nahmhaften Bio-Dyn Betrieb, der für mich immer ein bischen Vorzeigefunktion hier in der Region hat. Was hört man denn da von der Kellercrew bezüglich Gäreigenschaften seit der Umstellung?

Dirk

Schorletrinker

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11

Sonntag, 31. Januar 2010, 11:43

Beim lesen fällt mir auf, den ganzen langen Text hätte ich mir eigentlich sparen können denn:

"Was die "Spontangärungspropheten" wollen oder erzählen, hat i.d.R. nicht immer so viel mit der technischen Realität zu tun?!"

würde das wohl auf den Punkt bringen? :D
Genauso sehe ich das auch. Hier wird hauptsächlich am Marketingrad gedreht. :thumbsup:

Ampelia

Schorletrinker

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12

Sonntag, 31. Januar 2010, 16:42

Ampelia ist doch bei einem Nahmhaften Bio-Dyn Betrieb, der für mich immer ein bischen Vorzeigefunktion hier in der Region hat. Was hört man denn da von der Kellercrew bezüglich Gäreigenschaften seit der Umstellung?

Bisher haben wir fast nur positive Erfahrungen gemacht. Das ist halt das gute Karma ;). Allerdings ist Spontangärung bei uns erst seit etwa 2005 ein intensives Thema, das zunächst versuchsweise angegangen worden ist und mittlerweile auch usus in der gesamten Palette ist. Der Gedanke dabei ist, Spontangärung als ein mögliches Instrument einzusetzten, das berühmte "Terroir" noch besser herauszuarbeiten :sleeping:. Ob dies der Fall ist, muß sich noch herausstellen. Uns ist vor allem daran gelegen, daß die Klarheit der Fruchtaromen erhalten bleibt und nicht durch Gär(fehl)töne überlagert wird.
Wir vermarkten die Spontangärung nicht aktiv. Interessant finde ich es, wenn die "Spontifreaks" die Weine probieren und dann bei aller Qualität den Einsatz von Reinzuchthefen bemängeln. Ich persönlich war auch lange ein Anhänger der "Spontangärungspropheten". Mittlerweile bin ich aber der Überzeugung, daß sich diese bestimmte Gruppe (aus Erzeugern, Konsumenten, Händlern und Journalisten) ideologisch und sensorisch eher gegenseitig befruchtet und ihr allein gültiges Ideal gefunden hat.

Wie vielschichtig dieses Thema ist, sieht man ja an der interessanten Diskussion. Welche (natürlichen oder selektionierten) Hefen hat man eigentlich im Keller bzw. auf den Trauben, welche setzten sich durch. Hat man nicht eigentlich eine "spontane Reinzuchtvergärung?"

Zitat

Die Mühe mal Abstriche zu nehmen, sowohl aus Weinberg und Most um zu identifizieren, was da so kreucht und fleucht (speziell die Nicht-Saccharomyceten, die machen die Spontigärung ja so interessant) macht sich ja keiner. Ist auch bei um 800 Arten, wahrscheinlich tausenden von Stämmen und einer ziemlich unklaren Abgrenzung auch nicht ganz so einfach. Es soll Betriebe in Übersee geben, die das mal gemacht haben, und aus ihren Weinbergen eigene Stämme isolieren und
weitervermehren, auch das ein Beitrag zum vielgerühmten "T"-Wort.
Die Mühe haben wir uns vergangenes Jahr mal in einem der sehr guten Wingerte gemacht. Während der Spritzungen immer schön die Plastikbeutel über die ausgewählten Trauben. Die vorhandenen Hefestämme auf Trauben bzw. im Versuchmost wurden dann analysiert und positiv selektioniert, um quasi eine hauseigene Hefe zu vermehren. Ist das dann eine "kontrollierte Spontangärung"?
Über den weiteren Verlauf werde ich mal berichten.
Wichtig könnte das Thema hinsichtlich der Vorschriften für ökologische Weine sein. Neben den anzunehmenden Veränderungen im Schwefeleinsatz (s. Naturwein) werden sich die Regulieren sicher langfristig ausweiten. Bei biodyn ist dies ja schon ein Thema ("biologisch-dynamischer Wein").

Gruß,
Ampelia

Iris

Schorletrinker

Beiträge: 8

Beruf: Winzerin

13

Montag, 1. Februar 2010, 11:52

Ich finde die hier geführten Diskussionen sehr interessant - habe nur eine kleine Bitte: könnten wir uns darauf einigen, so polemische Wendungen wie "Spontifreaks, Spontangärungspropheten" und dergl. außen vor zu lassen? Oder gehören die in deutschen Winzer- und Önologenkreisen inzwischen zum Fachvokabular? Ich praktiziere diese Technik in meinem Keller, mit allen Risiken, würde es aber begrüßen, unter Kollegen immer noch eher als Winzer, denn als Freak, Prophet oder gar "Terro(i)rist" betrachtet zu werden.

Beiträge: 111

Beruf: Kellermeister und Weinforumsbesitzer

14

Freitag, 4. Juni 2010, 11:52

Link zum Thema

Gerade via Twitter einen schönen link passend zu diesem Thema bekommen!
Ein Artikel in der SZ Wein oder Wahrheit

Zitat

Bei der Eigenwerbung nimmt es mancher Winzer nicht so genau. Behauptet wird, was der Genießer gerne hören möchte. Doch oft verbirgt sich dahinter nur ein Schmalspurwein.

Sebastopol

Schorletrinker

Beiträge: 20

Beruf: Winzer-Azubi

15

Sonntag, 6. Juni 2010, 13:12

Ja, den Artikel habe ich grade gestern gelesen und weiß jetzt nicht so recht...eigentlich finde ich den Bericht tendenziös, überzogen, nicht korrekt und nicht gerade schmeichelhaft für unsere Branche. Da müsste man eigentlich mal einen sachlichen Leserbrief hin schreiben.
Aus Neugier habe ich meine Sammlung von Weinlisten durchgesehen, hauptsächlich Pfalz, Rheinhessen und Rheingau, von groß&teuer bis klein&billig. Und wieviele davon werben mit "eigenen Hefen"? Kein einziger. Das der Begriff "Terroir" überstrapaziert wird, ist etwa so neu wie das der Himmel blau und Wasser nass ist. Die SZ warnt hier regelrecht den unbedarften Verbraucher vor unseriösen, ja im Prinzip verlogenen&betrügerischen Winzern, verwurstet die unterschiedlichen Gärmethoden miteinander und propagiert imaginäre Marketingverhältnisse die ich zumindest nicht wiederfinden kann. Der Winzer ist doch auch hier wieder derjenige der´s den Kunden dann wieder erklären darf und trotzdem schräg angesehen wird.
Ohne über das Für und Wider von Reinzucht- oder Spontanhefen diskutieren zu wollen, beide umfassen doch eine große Bandbreite an Möglichkeiten. Die im Artikel behauptete geringe Anzahl von RZ-Hefen und die dadurch folgende Gleichförmigkeit der Weine ist angesichts von mehreren hundert Produkten auf dem Markt auch nicht grade des Pudels Kern. Und als Klage auch nicht neu, da spürt man doch noch den Beißreflex der frühen Jahre als die ersten RZs Verbreitung fanden. Damals hat ja auch die ganze Fachpresse mit dem Kopf geschüttelt und erstmal schlimm,schlimm gemurmelt..
Jedenfalls war ich mit dem Artikel sehr unzufrieden und würde mich für eure Meinung interessieren.
Riesling!

16

Sonntag, 6. Juni 2010, 22:11

Ich halte den Artikel auch für einigermaßen Problematisch, aber nicht wirklich überraschend. Die gleiche von Halbinformationen nur so strotzende Schwarz-Weiß-Show läuft doch seit einigen Jahren immer wieder mal in verschiedenen Weinforen und Medien.

Bei aller Kritik sollten wir aber nicht vergessen, dass unsere Branche wohl einen großen Anteil daran hat. Viel zu lange wurde das verkitschte Bild der Weinerzeugung wie vor hundert Jahren, im Einklang mit der Natur, etc. hochgehalten, weil es der Vermarktung dienlich war. Je mehr sich die Betriebsstrukturen, die Herstellungs- und Vermarktungsformen aber davon (im Positiven wie im Negativen) entfernen, umso größer wird der Spagat für die Weinerzeuger und umso schwieriger die Rückkehr zu einem realistischen Bild der Weinerzeugung in Medien und Verbraucherköpfen. Für den Einzelbetrieb bieten sich dabei folgende Strategien an:

1. Ehrliche Kommunikation der modernen Methoden: Ist mühsam, funktioniert (wenn überhaupt) fast nur bei direktem Kontakt und birgt die Gefahr, in der seelenlosen, technokratischen Ecke zu landen.

2. Den Spagat fortsetzen: Erfordert den Aufbau einer genügend großen traditionellen Kulisse, um dahinter gut versteckt das machen zu können, was man will (und nicht nur dass, was die Leute hören wollen bzw. die Nachbarn den Konsumenten erzählen). Hilfreich ist auch eine gewisse charakterliche Flexibilität, als Schmerzensgeld dafür winkt aber auch jener (mitunter satte) Bonus, der aus der Kombination von kostenbewußter moderner Weinherstellung mit moralisch anspruchsvoller Hochpreisvermarktung entsteht.

3. Die tatsächliche Rückkehr zu jener Art der Weinherstellung, die in den Köpfen vieler Konsumenten und/oder Meinungsmacher existiert: Ist sicher auch mühsam, allerdings deutlich leichter zu kommunizieren, da auch dem Zeitgeist entsprechend (Rückkehr zur Natur, Esoterik,...). Kann für entsprechend veranlagte Betriebsführer ein sehr erfüllender und (trotz Risiken und nicht selten geringer Mengenerträge) durchaus gut lebensfähiger Weg sein. Die Neigung mit dem Finger auf die bösen Kollegen in Kategorie 1 zu zeigen ist hier zwar nicht ganz so ausgeprägt, wie in Kategorie 2, allerdings auch durchaus vorhanden, was zu Punkteabzügen in Sachen Moral führen kann.

17

Sonntag, 6. Juni 2010, 22:29

Zur weiter oben stehenden Diskussion zwischen Harald und Oenologe 77 möchte ich noch zwei Aspekte ergänzen:

1. Liegt nicht ein wesentlicher Unterschied zwischen Spontan- und Reinzuchthefegärung in der Tatsache, dass bei ersterer zumindest am Beginn mehrere Hefearten tätig sind, während bei letzterer durch die hohen RZH-Dosen bereits (fast) von Anfang an eine Spezies deutlich dominiert? Oder anders gefragt, spielt es für das üblicherweise als Hauptvorteil der Spontangärung dargestellte komplexere Aroma letztlich gar keine Rolle, ob die Spontanflora aus dem Weingarten oder dem Keller kommt? (Zumal die Sache mit den lagenspezifischen Hefestämmen meines Wissens wissenschaftlich gesehen auf sehr tönernen Füßen steht.)

2. Ist es - gerade in Deutschland - nicht häufig so, dass reduktive Aromen bis hin zu klaren Böcksern in vielen Weinfreak-Kreisen eindeutig mit Spontangärung assoziiert (und daher nicht nur toleriert, sondern mitunter sogar favorisiert) werden, obwohl die Ursache dafür vielleicht weniger in der Art der Gärung als im Umgang mit SO2 und der Lagerung auf der Hefe liegt?

Grüße

Bernhard

Harald

Weintrinker

Beiträge: 62

Beruf: Selbstständiger Winzer

18

Montag, 7. Juni 2010, 08:31

Zur weiter oben stehenden Diskussion zwischen Harald und Oenologe 77 möchte ich noch zwei Aspekte ergänzen:

1. Liegt nicht ein wesentlicher Unterschied zwischen Spontan- und Reinzuchthefegärung in der Tatsache, dass bei ersterer zumindest am Beginn mehrere Hefearten tätig sind, während bei letzterer durch die hohen RZH-Dosen bereits (fast) von Anfang an eine Spezies deutlich dominiert? Oder anders gefragt, spielt es für das üblicherweise als Hauptvorteil der Spontangärung dargestellte komplexere Aroma letztlich gar keine Rolle, ob die Spontanflora aus dem Weingarten oder dem Keller kommt? (Zumal die Sache mit den lagenspezifischen Hefestämmen meines Wissens wissenschaftlich gesehen auf sehr tönernen Füßen steht.)

2. Ist es - gerade in Deutschland - nicht häufig so, dass reduktive Aromen bis hin zu klaren Böcksern in vielen Weinfreak-Kreisen eindeutig mit Spontangärung assoziiert (und daher nicht nur toleriert, sondern mitunter sogar favorisiert) werden, obwohl die Ursache dafür vielleicht weniger in der Art der Gärung als im Umgang mit SO2 und der Lagerung auf der Hefe liegt?

Grüße

Bernhard
Zu 1. Hast vollig recht. Es sind aber auch Nicht Weinhefen an der Angärung beteiligt.

Zu 2. Diese Weine werden bei den Weinfreaks favorisiert. Als Reduktiv würde ich viele Spontis nicht bezeichnen. Da durch die gärschwache Hefen sich die Vergärung im Extremfall bis über den folgenden Somer hinziekt, sind die Weine schon etwas oxidativer und hochfarbiger, inbesondere wenn die Gärung im Holzfass erfolgt.

Von diesen Weinfreaks werden halt Spontis geliebt, obwohl das Aromenspektrum teilweise die Rieslingfrucht überdeckt. Leichte Böckser (Hefige Note...), gerüche nach angebranntem Gummi usw. werden positiv besprochen. Das galt noch vor zehn Jahren als Weinfehler. Ich mag persönlich die Mikrobenfürze nicht...

Wino

Schorletrinker

19

Montag, 14. Juni 2010, 11:21

sponti myhtos

Hier kurz die Ergebnisse aus mehreren Studien, wie ich sie gerade im Kopf habe. Leider habe ich keine Zeit die Original Quellen alle zu suchen.
Lose Reihenfolge...

1. Vor ein paar Jahren lief eine Diplomarbeit zum Thema Mikrobien im Weinberg. Jürgen Sturm so weit ich weiss
Es zeigten sich sehr wenige Saccharomyces cerevisiae (<1%)
2. In Franken wurden Versuche durchgeführt in denen Trauben Steril geerntet und vergoren wurde mit dem Ergebnis, dass kein Versuch fertig durchgegoren ist.
3. In Italien wurde gezeigt, dass in einem herkömmlichem Keller sich die Mikrobenzahl durch die Passage der Abbeermaschine vertausendfacht.
4. In Neuseeland zeigte sich in Versuchen mit selektionierten Spontanhefen in Kombination mit reinzuchthefen bessere Aromaausbeute beim Sauvignon Blanc.

Viel Spass
bei der Diskussion

20

Samstag, 26. Juni 2010, 21:22

Ich arbeite bei uns im Keller bei den Weinen die nicht trocken werden müssen/sollen gerne mit Spontangärung, habe jedoch die Erfahrun gemacht das die Kellerflora einen entscheidenden Faktor darstellt.
Ein Beispiel: 2009er Rieslingmost. 15°C im neuen Tankraum, im neuen Tank (ausgespritzt mit Wasser Zitronensäure,Wasser) hat erst nach 10 Tagen angefangen gaaaaaaanz langsam u gären, und wäre noch heute dran, wenn ich nicht nachgeholfen hätte. Keine Kellerflora vorhanden -> keine Gärung.

Anderer Most, reifere Trauben, etwas höherer pH-Wert im alten Keller im Tank der vorher mit Lauge gereinigt wurde, hat ebenfalls sehr lange gebraucht um anzugären.
Fast gleicher Most im alten Keller im nicht "gelaugten" Tank war nach drei Tagen munter dran.

Spannenderweise ist jedoch der Most der langsamer angefangen hat weiter durchgegoren.
Ich habe 2007 mal nen Versuch zur Herstellung eines Gäransatzes gemacht: Eimer desinfiziert und im Gnazen Berg schöne gesunde Trauben aus verschiedensten Weinbergen. Darunter auch Flächen in denen die letzten drei Spritzungen nicht durchgeführt wurden. Dazu noch ein par Schiefersteine, typische Kräuter und das alles in einen desinfizierten Glasballon. Mit ganze mit abgekochtem Most aufgefüllt und gewartet, ........... Da hat selbst im November noch nix gegoren. Diverse Bakterien haben rumgewirkt und haben das Ganze zu brauner Jauche werden lassen.
ICh habe außerdem die Erfahrung gemacht das eine Mostoxidation den VErlauf der SP-Gärung begünstigt. Auch eine Sauerstoffgabe in den Gärbeginn bringt was. Außerdem: Rührgerät mit Frequenzumrichter um Bewegung reinzubringen.